Die Gründung der FHWS: Ein echtes Politikum

Vor fast 50 Jahren entstand aus Polytechnikum, Wirtschaftsfachschule und Werkkunstschule die heutige FHWS

 © FHWS Archiv

2021 feiert die FHWS ihr 50-jähriges Bestehen. Gegründet wurde sie in einer Zeit, in der Studierendenproteste und Bildungsreformen die Politik bestimmten. Doch wie lief die Gründung Anfang der 70er Jahre genau ab?

Deutschland 1968. Studierende gehen bundesweit auf die Straßen. Sie wollen mehr: Mehr Bildung. Mehr Platz. Mehr Mitbestimmung. Sie protestieren für die Aufwertung ihrer Ausbildung und fordern mehr bildungspolitische Maßnahmen. Die Folge: Eine große Bildungsreform und umfassende Liberalisierung der Gesellschaft. Laut Dr. Jürgen Herzog, dem ersten Kanzler der FHWS (1973-2007), waren es aufwühlende Zeiten für Universitäten und Hochschulen, Studierende und Professorinnen und Professoren.

Drei Jahre nach Beginn der Proteste wird die Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt gegründet. Der 1. August 1971 geht in die Annalen der Hochschule als Gründungstag ein. Dabei reicht die Geschichte der Hochschule bis 1807 zurück, denn sie geht aus drei Vorgängerinstitutionen hervor: Dem Balthasar-Neumann-Polytechnikum (Ingenieurschule seit 1836), der Höheren Wirtschaftsfachschule (seit 1966) und der Städtischen Werkkunstschule (seit 1945). Diesen Zusammenschluss verlangte das neu erlassene Fachhochschulgesetz, also die „Verordnung zur Ausgliederung schulischer Ausbildungsgänge aus staatlichen Ingenieurschulen und staatlichen Fachschulen mit Ingenieurabteilung“ vom 23. Juli 1971.

Der Vorlesungsbetrieb der FHWS startete erstmals zum Wintersemester 1971/72 mit 1.566 Studierenden. Heute ist die FHWS mit über 9.100 eingeschriebenen Studierenden eine der größten Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Bayern. Und das nur 50 Jahre nach ihrer Gründung – doch wie kam es zu diesem Erfolg?

Strichzeichnung eines FHWS-Gebäudes
Gebäude der FHWS in Schweinfurt. Quelle: Infoblatt Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt
Foto der Amtseinführung des ersten Präsidenten 1972
Amtseinführung des ersten Präsidenten der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt im Schweinfurter Rathaus am 20. März 1972: (v. l.) Oberbürgermeister der Stadt Würzburg Dr. Klaus Zeitler, Oberbürgermeister der Stadt Schweinfurt Georg Wichtermann, Präsident der FHWS Prof. Dr. Rudolf Müller, Staatssekretär Erwin Lauerbach vom Staatsministerium für Unterricht und Kultus sowie Regierungspräsident Dr. Robert Meixner. Quelle: FHWS Archiv

Vereinheitlichung

Die Gründung bzw. die Veranlassung des Fachhochschulgesetzes waren laut dem langjährigen Kanzler der Fachhochschule, Dr. Jürgen Herzog, vor allem ein Politikum. So wollten sich im Bayerischen Landtag Politiker verschiedener Parteien profilieren. Sie hatten die Stimmung unter den Studierenden erkannt ‒ den Drang nach mehr Mitbestimmung und Anerkennung für ihre Hochschulausbildung, in der Wirtschaft sowie in der Gesellschaft.

Der primäre Grund für den Erlass des Fachhochschulgesetzes war jedoch das deutschlandweite Bedürfnis aller Regierungen, das Sammelsurium an Benennungen der Vorgängereinrichtungen sowie der unterschiedlichen Ausbildungsstandards, Strukturen und Lehrpläne zu vereinheitlichen.

So gingen in Würzburg durch das Fachhochschulgesetz die drei Vorgängerinstitutionen offiziell vom Bezirk Unterfranken auf den Freistaat Bayern über, die Fachhochschule entstand. Rechtlich gesehen wurde die Fachhochschule Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltungsrecht. Ein völlig neuer Status. Oder wie es Dr. Ottomar Götz, ehemaliger Leiter des Rechenzentrums in Schweinfurt und Professor am früheren Polytechnikum zusammenfasst: „Die Gründung der Fachhochschulen war ein tiefgreifender Einschnitt in die Lehre und Verwaltung ihrer Vorläufereinrichtungen.“

Zitat von Dr. Ottomar Götz: „Die Gründung der Fachhochschulen war ein tiefgreifender Einschnitt in Lehre und Verwaltung ihrer Vorläufereinrichtungen.“

Die Puzzlestücke der Gründung

Welche Rolle spielte dabei die 68er-Bewegung? Die Proteste, die Götz als „sehr sachlich, geordnet und durchaus berechtigt“ beschreibt, waren Proteste, die ohne fliegende Steine auskamen. So war der Ruf der Studierenden nach Aufwertung des insbesondere für den Industriestandort Schweinfurt so wichtigen Studiengangs der Ingenieurwissenschaft laut Götz durchaus ein Baustein in der Gründung der Fachhochschule. Denn der erworbene Titel „graduierter Ingenieur“ sollte vor allem im Ausland mehr Anerkennung finden. Eigentlicher Grund für den Erlass des Fachhochschulgesetzes und damit der Gründung der FHWS war jedoch ganz klar das Streben nach einer einheitlichen Lehre von Seiten der Politik.

Festgehalten wurde die Gründung der FHWS in den „Wernecker Beschlüssen“. Das Bayerische Fachhochschulgesetz legte die grundsätzliche Organisation der Fachhochschulen fest, hochschulspezifische Grundsatzfragen mussten jedoch intern geklärt werden, z. B. welcher Studiengang an welchem Standort gelehrt wird. Schlussendlich beschloss die Leitung der Hochschule, dass Maschinenbau aufgrund der Industrienähe in Schweinfurt gelehrt werden soll, ebenso wie Ingenieurwesen. Elektrotechnik hatte Standorte in Würzburg und Schweinfurt. Betriebswirtschaft, Architektur, Bauingenieurwesen sowie Gestaltung waren in Würzburg angesiedelt. Neu eingerichtet wurden 1972 das Fach Sozialwesen 1973 Kunststofftechnik und Vermessung sowie 1975 der Studiengang Informatik.

Foto einer Person in den siebziger Jahren steht vor einer Maschine.
Studiengang Diplom-Bauingenieur war seit der Gründung 1971 in Würzburg ansässig. Quelle: FHWS Archiv
Mann und Frau sitzen in den siebziger Jahren van Schalteinheiten.
Das Fach Sozialwesen wurde erst ein Jahr nach Gründung der FHWS, also 1972, errichtet. Quelle: FHWS Archiv

Aller Anfang ist schwer

Fragt man die Zeitzeugen, wie die Stimmung unter den Studierenden und Lehrenden nach dem Beschluss war, wird klar: Die Politik handelte im Sinne der Betroffenen. Erst-Kanzler Herzog fasst zusammen: „Die Studierenden haben sich gefreut, da ihre Studiengänge aufgewertet wurden.“ Die Proteste hatten etwas bewegt; durch den Dialog mit der Politik, die besetzten Hörsäle, Straßenblockaden und Demos in Würzburg und Schweinfurt.

Und auch die damaligen Mitglieder des Bezirks Unterfranken konnten sich freuen. „Ich hatte den Eindruck, die waren ganz froh, dass der Staat das übernimmt“, sagt Herzog. „Für den Bezirk wurde das einfach zu teuer.“

Zitat von Dr. Ottomar Götz: „Es bestand eine gute Verflechtung zwischen Industrie und Polytechnikum/FH. Und das ist bis heute so.“

Diese finanziellen Probleme verschwanden jedoch auch durch das Fachhochschulgesetz nicht automatisch. Herzog erinnert sich: „Das Suchen nach Spenden war in den 70er- und 80er-Jahren eines der Hauptanliegen an den Fachhochschulen und damit auch des Kanzlers“ und das, obwohl die Fachhochschule staatliches Eigentum war. Improvisation und gute Beziehungen waren da der Schlüssel. Dr. Götz merkt an: „Es bestand eine gute Verflechtung zwischen Industrie und Polytechnikum/FH. Und das ist bis heute so.“ Schließlich ging es ab Ende der 70er-Jahre auch finanziell aufwärts.

Und nicht nur das: Es war laut Herzog bemerkenswert, wie harmonisch die Neustrukturierung der drei autarken Institutionen ablief. Es gingen keine Arbeitsplätze verloren – vielmehr wurden neue geschaffen. Die Studierenden der 68er-Bewegung verloren sich in Würzburg nicht in ideologischen Kämpfen oder gesellschaftspolitischen Fundamentaldebatten. Sie mobilisierten ihre Kräfte für mehr Mitbestimmung und konnten die Politik so zu grundlegenden Veränderungen drängen, vor allem beim Fachhochschulgesetz.

Dennoch war der Wandel grundsätzlich herausfordernd, so Götz. Besonders das „wachsende Angebot neuer Fachrichtungen“ sowie die „inhaltliche Neujustierung der Lehre“. Herzog fasst zusammen: „Die schwierigen ersten Jahre riefen ein Gemeinschaftsgefühl unter den Professorinnen und Professoren, den Kolleginnen und Kollegen im technischen Personal und in der Verwaltung hervor. Das war beeindruckend.“

Aufbaumentalität von Anfang an

Zitat von Dr. Jürgen Herzog: Wir hatten eine richtige Aufbaumentalität.

Es war „eine großartige Chance“ so Götz. Und auch Herzog merkt an: „Wir hatten eine richtige Aufbaumentalität.“ Auch die Entwicklung der Fachhochschule in den Folgejahren lässt sich sehen: Internationaler, mit neuen Standorten, mehr Studierenden, modernen Studiengängen und dem Ziel, angewandt zu lehren und lernen.

Die Gründung der FHWS war also ein Gemeinschaftsprojekt: Rebellierende Studierende, das von der Politik veranlasste Fachhochschulgesetz, die Aufbaumentalität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Spenden der Industrie. Und dieses erfolgreiche Gemeinschaftsprojekt setzt sich seit bald 50 Jahren fort.

Foto von Amelie Mangler

Ein Artikel von 
Amelie Mangler