Die FHWS und Siemens: Direkt aus der Praxis

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Die Zusammenarbeit von Hochschulen und der Industrie eröffnet Studierenden die Möglichkeit einer praxisnahen Lehre – doch nicht nur das: Das Beispiel von Siemens und der FHWS zeigt, wie vielfältig eine Industriekooperation sein kann.

Profilfoto Dr. Hans-Georg Köpken
Dr. Hans-Georg Köpken ist Fachexperte in den Bereichen Datenanalyse und Künstliche Intelligenz (© privat)
Profilfoto Stephan Platen
Stephan Platen ist Technologie-Manager bei Siemens (© privat)
Profilfoto Prof. Dr. Andreas Schiffler
Forschungsprofessor an der Fakultät Maschinenbau der FHWS: Prof. Dr. Andreas Schiffler (© privat)

Maschinenbau, Elektrotechnik, Mechatronik – was wären diese Studiengänge ohne den Praxisbezug? Nicht das, was sie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) sind. Da sind sich Prof. Dr. Andreas Schiffler von der FHWS und die beiden Siemens-Mitarbeiter Stephan Platen und Dr. Hans-Georg Köpken sofort einig. Nicht nur für Studierende, auch für Professorinnen, Professoren und Unternehmen sind Industriekooperationen im technischen Bereich von großer Bedeutung.

Zitat Andreas Schiffler: „Für mich ist es sehr spannend die Erfahrungen  und Bewegründe aus der Industrie  zu wissen und mitzunehmen – in die Forschungsprojekte sowie in die Lehre.“

Zwischen der Siemens AG und der FHWS besteht bereits seit vielen Jahren ein gutes, partnerschaftliches Verhältnis. Schiffler selbst war bis 2019 bei Siemens in Erlangen im Bereich Werkzeugmaschinen mit dem Fokus auf Softwareprodukte beschäftigt. Inzwischen ist er Professor an der Fakultät Maschinenbau der FHWS am Standort Schweinfurt. Ihm ist es dadurch möglich, den Mehrwert in solchen Kooperationen aus Lehre und Praxis für beide Seiten zu sehen. „Für mich ist es sehr spannend die Erfahrungen und Beweggründe aus der Industrie zu wissen und mitzunehmen – in die Forschungsprojekte sowie in die Lehre“, stellt er fest. Als Forschungsprofessor beschäftigt er sich neben der Lehre und dem direkten Kontakt zu Studierenden auch intensiv mit Forschungs- und Drittmittelprojekten sowie Industriekooperationen.

Zusammenarbeit im Zentrum für digitale Anwendungen in der Metallbearbeitung

Spricht man von Industriekooperationen der Hochschule, rückt das „Zentrum für digitale Anwendungen in der Metallbearbeitung“ in den Fokus – so der von Siemens geprägte Überbegriff für diverse Projekte, die sich um die Digitalisierung im Metallbereich und damit verbundene Technologien drehen. In vielen Anwendungsbereichen schlummert hier noch viel Potenzial. In diversen auf drei Jahre ausgelegten Projekten soll dieses Potenzial genutzt, erforscht und praxisnah getestet werden.

Projektübersicht Siemens
Diese Projekte sind aktuell in Bearbeitung (© Siemens)

Seit 2017 arbeiten die Hochschule und der Großkonzern Siemens für die Umsetzung einiger dieser Projekte Hand in Hand. „Treiber für die gemeinsame Umsetzung der Projekte waren beide Seiten, die FHWS und Siemens“, betont Stephan Platen, Technologiemanager bei Siemens. „Außerdem war klar: Wir wollen an mehreren Themen und mehreren Einzelprojekten arbeiten. Das war die Startbedingung.“ Platen ist seit über zehn Jahren in der Business Unit Motion Control von Siemens tätig, die sich u. a. mit Produkten, Systemen und Lösungen bei Antrieben, Motoren, CNC-Steuerungen und Getriebemotoren befasst. Seit Beginn an beschäftigt er sich dort mit Innovations-, Vorfeld- und Verbundthemen. Für die Projektgruppe mit der FHWS hat er daher auch die Rolle des Programm-Managers inne.

Zitat Stephan Platen: „Treiber für die gemeinsame Umsetzung der Projekte waren beide Seiten, die FHWS und Siemens.“

Die Siemens Kooperation wird in interdisziplinären Projekten umgesetzt

Ein Beispiel für ein aktuell laufendes Projekt ist „BeWart“. Hierbei sollen bestehende Wartungsstrategien bedarfsgerecht anhand von maschineninternen und -externen Daten gestaltet und zuverlässige Zustandsüberwachung von Vorschubachsen realisiert werden. Die gemeinsam von der Hochschule mit der Industrie aufgebauten Prüfstände bieten dabei die ideale Umgebung für studentische Arbeiten in einem praxisnahen Umfeld. Projektergebnisse zur Kühlschmiermittel-Überwachung werden zum Beispiel prototypisch im Rahmen einer Abschlussarbeit der Fakultät Elektrotechnik in Schweinfurt mit Siemens Edge-Komponenten umgesetzt.

Das Beispiel „BeWart“ zeigt laut Köpken, Fachexperte bei Siemens, die große Stärke der gemeinsamen Projekte: Sie laufen domänenübergreifend. „Zunächst muss sich wegen der eingesetzten Schmierstoffe mit Chemie, beispielsweise pH-Werten, auseinandergesetzt werden. Die Anwendungsrelevanz liegt dann im Maschinenbau. Die Messmethode ist Elektronik und die Auswertung ist letztendlich Software. Bei jedem Baustein sind also ganz unterschiedliche Kompetenzen gefragt.“ Dieses interdisziplinäre und domänenübergreifende Arbeiten ist zwar einerseits eine Herausforderung, andererseits aber das Potenzial, was die Digitalisierung in der Metallbearbeitung mit sich bringt und welches zur Produktivitätssteigerung beiträgt.

Bild Prüfstand für Kugelgewindetriebe
Prüfstand für Kugelgewindetriebe: Ideale Umgebung für studentische Arbeiten in einem praxisnahen Umfeld (© Siemens)

Hochschule und Siemens profitieren von studentischen Abschlussarbeiten

Ähnlich ist es im Projekt „VALIDAD“. Es beschäftigt sich mit der additiven Fertigung – konkret mit 3D-Metalldruck – und ist eines der Projekte, das am eigens dafür vorgesehenen FHWS-Standort in Schweinfurt, dem „Center Additive Metal Printing“, realisiert wird. Siemens ist neben der Maincor Rohrsysteme GmbH & Co. KG und der Turbocut Jopp GmbH dabei einer der Industriepartner, die im Rahmen dieses Projekts Expertise für die Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitenden anbieten. „Um auch hier ein konkretes Beispiel zu geben: Aktuell beschäftigt sich ein Studierender aus dem internationalen Mechatronik-Studiengang in seiner Abschlussarbeit mit maschinellem Lernen und Bildverarbeitung“, erklärt Schiffler. Studentische Abschlussarbeiten können so, wie dieses Beispiel zeigt, immer im Kontext mit Unternehmen stattfinden – und das in einer intensiven Zusammenarbeit.

Konkret zeigt sich die Zusammenarbeit zwischen FHWS und Siemens darüber hinaus in Veranstaltungen wie der Vortragsreihe „Digitalization after Work“. Ergebnisse und Fortschritte der gemeinsamen Projekte werden (sobald das aufgrund der Pandemiesituation wieder möglich ist) vorgestellt und interaktiv demonstriert. Beispielsweise von Dr. Hans-Georg Köpken, der seit über 20 Jahren in der Siemens Motion Control tätig ist. Als Fachexperte in den Bereichen Datenanalyse und Künstliche Intelligenz liegt sein Aufgabengebiet zwischen Forschung und Produktentwicklung, was schon immer eine enge Zusammenarbeit mit Universitäten und Hochschulen bedeutet. Bei Veranstaltungen wie der „Digitalization after Work“ haben Studierende die Möglichkeit mit ihm und anderen Industrievertreterinnen und -vertretern in Kontakt zu kommen und Networking zu betreiben.

Die Kooperation trägt für beide Seiten Früchte

Diese intensive, menschliche Zusammenarbeit ist genau das, was beiden Seiten – FHWS und Siemens – den Mehrwert bietet. „Für uns sind es die Professorinnen und Professoren der Hochschule, wenn es um Technologieinnovation geht. Es sind die Abschlussarbeiten von Studierenden, wenn es um zukünftige Mitarbeitende bei uns aber auch Mitarbeitende bei Kunden geht“, stellt Platen seitens Siemens fest. Allein diese menschliche Komponente macht die Zusammenarbeit mit der Hochschule so wertvoll. Zudem hat Siemens die Möglichkeit, die Themengebiete und Domänen für Technologieinnovationen im Verbund mit Professorinnen, Professoren und Studierenden voranzutreiben. Mögliche zukünftige Kolleginnen und Kollegen – aktuell noch Studierende – können hierdurch schon früh in bestimmten Themen ausgebildet werden. Projekte und Themen seitens Siemens sind ihnen bereits ein Begriff, wenn sie später voll ins Berufsleben einsteigen.

Gleichzeitig bekomme die FHWS technologische Entwicklungen und Anforderungen der Praxis hautnah mit, ergänzt Prof. Dr. Schiffler. Und nicht nur das. „Der Auftrag, den wir haben – die Ausbildung junger Menschen – wird dadurch in der Qualität gesteigert. Denn wir bringen diese Anforderungen durch Beispiele, durch Geräte oder Technologien mit in die Lehre ein“, so Schiffler weiter. Nicht zuletzt bieten die Forschungsprojekte auch die Möglichkeit, die Forschungsstärke der FHWS zu zeigen, die von Projekten, über Abschlussarbeiten bis hin zu Promotionsabschlüssen von wissenschaftlichen Mitarbeitenden reichen kann.

Schiffler, Platen und Köpken sind sich einig: „Das ist eine sehr gute Zusammenarbeit – auch auf der persönlichen Ebene.“

Zitat Andreas Schiffler: „Der Auftrag, den wir haben – die Ausbildung junger Menschen – wird dadurch in der Qualität gesteigert. Denn wir bringen diese Anforderungen durch Beispiele, durch Geräte oder Technologien mit in die Lehre ein.“
Portraitfoto Anne Köppen

Ein Artikel von 
Anne Köppen